Interview

IIC Quarterly, New Delhi, Summer 2004
DOWNLOAD PDF

Interview with Dagmar Frick-Islitzer for the Project ''Künstlerbrille. Künstlerische Denk- und Arbeitshaltungen visualisieren und vermitteln''

Der Inspiration Raum geben

 

Sung Min Kim im Gespräch mit Dagmar Frick-Islitzer

Wien, 13. Dezember 2019

 

Du stammst aus Korea und hast dort Malerei sowie in Indien Philosophie, Kunstgeschichte und Ästhetik studiert. Du bringst ein asiatisches Kunstverständnis mit. Welche künstlerischen Werte fließen in deine Werke mit ein?

Die Malerei ist für mich eine Methode, über mich und meine Umgebung nachzudenken. Sie ist vergleichbar mit dem Akt des Schreibens. Wenn ich schreibe, komme ich manchmal selber drauf, was ich wirklich will. Ich verstehe dann vielleicht ein Stück Welt, aber vor allem lerne ich mich dadurch selber besser kennen. Über den Malprozess bekomme ich wertvolle Gedanken über das Leben. Ich gebe ein Beispiel: Ich fange ein Bild an mit einer Form, die mir gekommen ist. Es ist eine Form, die aufsteigt und fliegt. Damit ist das Bild aber noch nicht fertig. Ich betrachte es und frage mich: Was brauche ich noch in diesem Bild? Ich bleibe ruhig. Was war das, was ich mit meinem inneren Auge gesehen habe? Ich erkenne so etwas wie ein Gegengewicht als Ausgleich, etwas, das nach unten sinkt. Das habe ich gemalt. Das Bild zeigt die Dynamik des Lebens. Das schätze ich sehr. Für mich ist die Malerei eine richtige Lebensgefährtin.

 

Auf deiner Webseite habe ich gelesen, dass du durch theoretische Erkenntnis dein Inneres stärkst. Du siehst Kunst und Kunstschaffende im Kontext des einzelnen Individuums, der Gesellschaft und der Natur. Eben hast du geschildert, dass Kunst für dich ein Medium ist, dir die Welt anzueignen. Wie schaffst du es, über deine Malerei Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen?

Kunst leistet einen gesellschaftlichen und sozialen Beitrag, weil sie Nahrung für die Seele ist. Die Umweltkrise mit ihren ungelösten Problemen in der Natur spüren wir im Moment besonders stark. Die Menschen merken im Alltag, dass es so nicht weitergeht. Diese Probleme werden oft in einer technischen Sprache besprochen. Aber sie sind nicht nur technischer Art. Wir Menschen sind Teil der Natur. Wenn die Seele leer ist, spürt man sich von der Natur abgetrennt. Die Verbindung fehlt, und es gibt keine positive Entwicklung. Die Kunst wirkt wie ein spirituelles Gebet, das die menschliche Seele nährt. Sie vermag, die einzelnen Individuen untereinander zu verbinden. Diese Verbundenheit ist leicht im künstlerischen Schaffensprozess zu erfahren. Da kommen so viele unterschiedliche Formen auf einer Fläche zusammen. Daraus kann ein ehrliches Bild entstehen.

 

In deinem Atelier sehe ich viele Pinsel und Farbpigmente. Bitte schildere deine künstlerische Herangehensweise. Wie beginnst du?

Das ist verschieden. Meistens spüre ich eine Inspiration, eine Dringlichkeit einer Form in mir. Dann brauche ich Mut. Ich sehe dieses Bild nicht genau; eine konkrete Form fehlt, aber es drängt mich. Es ist vergleichbar mit einem Samen einer Blume oder eines Baums. Am Anfang weiß man nicht, wie sich der Same entwickeln wird. So ähnlich wird diese Dringlichkeit zu einem Wunsch, die Form zu gebären. Aber ich habe keine Ahnung, welche Form es sein wird. So fange ich einfach an! (lacht)

Welche Utensilien und Farben ich benutze, welche Linie ich ziehe oder welche Fläche ich fülle, entscheide ich nicht selber. Das geschieht im Dialog mit dem Material. Dieses Bild hier im Hintergrund habe ich begonnen aus einem großen Zweifel und persönlicher Unsicherheit heraus. Ich bin zum Palmenhaus in Wien gefahren, wo ich viel Zeit verbracht habe. Dort habe ich riesige Palmen gesehen. Da geschah etwas, was mich in der emotionalen Situation, in der ich mich befand, berührte. Ich spürte: Ein Palmenblatt war nicht nur ein Palmenblatt, sondern das Blatt stand für etwas, was ich aus mir herausbringen sollte. Das war wie ein Fingerzeig. Dabei geht es nicht um den Finger, sondern um die Richtung, in die er zeigt. Doch wie sollte ich anfangen? Die Palme bildete den Anfangspunkt, aber im Grunde wollte ich keine Palme zeichnen. Das war nicht das Ziel, das ich verfolgen wollte. Sobald ich anfange, beginnen die Materialien ein eigenes Leben zu entwickeln. Diese führen mich. Ich muss gut zuhören und aktiv reagieren. Wenn ein Material mir etwas mitteilt oder zeigt, dann muss ich das aufgreifen und darauf antworten. Es ist ein Dialog, der den künstlerischen Prozess vorwärtsbringt. Er kann ewig lange dauern, aber er muss einen Zweck haben und auf etwas gerichtet sein. Das war die erste Inspiration, die ich im Palmenhaus gespürt habe. Dieser Prozess ist ein gedanklicher Weg, um diese Eingebung aufzugreifen oder auch neu zu finden. Es geht mir darum, der Inspiration eine konkrete Form zu geben, damit wir sie sinnlich erfahren können.

Wie ich einen künstlerischen Prozess beginne, hat sich in den letzten Jahren verändert. Früher habe ich meine eigenen Gedanken und meinen eigenen Willen verneint. Ich wollte keine Gedanken, kein Konzept, keinen Wunsch in meiner Malerei haben. Ich wollte nur die Materialien und die Bildfläche zum Sprechen bringen. Ich habe mir gewünscht, dass etwas aus dem Bild auftaucht, ohne meinen Willen, ohne mein Konzept. Als ich eine schöne Form im Kopf hatte, malte ich sie nicht. Ich habe sie einfach ignoriert. Aber in so einem künstlerischen Prozess war ein Dialog sehr schwierig. Ich habe nicht gesagt, was ich wollte. Ich wollte nur hören, was das Bild mir sagte. Es hat sich mir manchmal mitgeteilt, aber ich habe nicht darauf reagiert. Dieser Prozess gestaltete sich immer schwieriger und ich war so fertig und erschöpft. Ich saß vor dem Bild, betrachtete es stundenlang und fragte mich: Was will das Bild sagen? Nach dieser Phase habe ich meine Haltung verändert und ich beschloss, dass ich meine eigene Stimme dazugebe. Warum? Weil auch ich ein Teil des Bildes bin. Auf einmal ist der Malprozess so spielerisch, lustiger und viel leichter geworden. Es war wie gemeinsames Musizieren. Heute erlebe ich das Malen weniger als eine Meditation, sondern als ein Zusammenspiel.

 

Welchen Stellenwert nimmt dein Körper in deiner Malerei ein?

In der traditionellen koreanischen Mallehre ist der langhaarige Pinsel als ein verlängerter Körperteil zu verstehen. Auch ich empfinde den Pinsel als Teil meines Körpers. Die Kraft kommt vom Herzen heraus. Die Schulter muss locker sein, damit die Kraft gut durchfließen kann. Diese wird dann über die Finger auf den Pinsel übertragen. Wenn ich so spreche wie jetzt, verwende ich gestisch meine Hände dazu. Wenn ich etwas denke, folgt oft eine Handbewegung. Dann ist entscheidend, wie ich atme. Mit dem Atem sind Emotionen mit dem ganzen Körper verbunden. Über den Pinsel wird mein innerer Zustand sichtbar. Im Studium in Korea zeichnete ich einmal einen Bambus, traditionell mit Pinsel und Tusche. Es war eine Hausaufgabe. In der Zeit befand ich mich in einer persönlichen Krise. Als ich dem Professor meine Zeichnung zeigte, erkannte er sofort meinen seelischen Zustand. Er konnte ablesen, wie der Pinsel bewegt wurde. Die Pinselbewegung hängt mit dem Atem zusammen. Mit den traditionellen koreanischen Materialien wie Papier, Tusche und langhaarigen Pinseln wird die Person selbst sichtbar auf dem Bildträger.

 

Wie wichtig ist dir die Beobachtung und die Reflexion?

Die Identifikation ist mir wichtiger als die Beobachtung. Für mich ist die Malerei ein Weg, mich mit meiner Umgebung, mit meiner Inspiration zu vereinigen. Wichtig ist, wie ich ins Bild einsinke. Es geht mir nicht darum, mit Abstand zu beobachten, sondern reinzukommen. Beim Malen lege ich die Bildflächen gerne auf den Boden, weil ich dann eine optimale Haltung einnehmen und den Abstand zwischen Körper und Bild leichter überwinden kann. Dadurch gelingt es mir, leichter einzutauchen.

Ein Bild während des Malprozesses objektiv zu betrachten ist nicht immer gut. Im Nachhinein, wenn das Bild fertig ist, beginnt daher für mich die Phase der Reflexion. Dann sehe ich in meinem Bild mich selber. In unserer Maltradition ist die Verschmelzung das erste Ziel. Es geht darum, mich zu erlösen und eins zu werden mit der Natur. Die Kunst unterstützt diesen Prozess. Nicht nur „ich, ich, ich“ in einer einzelnen, isolierten Kapsel. Die Schichten werden leichter und durchlässiger, sodass das echte Ich aufsteigen und frei werden kann. Das ist der Weg der Freiheit.

 

Welche Rolle spielen Konzentration und achtsame Haltung beim Malen?

Eine intensive Konzentration kommt aus dem Prozess selber. Am Anfang ist es ganz schwierig. Es bedeutet körperliche Arbeit. Ich muss viele Linien und Formen im dialogischen Prozess entwickeln. Wenn ein bestimmter Wille aus dem Bild tritt, dann wird sich der Prozess selber führen. In diesem Prozess kann ich mich gut konzentrieren, aber ohne Absicht. Es geht um das Eintauchen. Im Tun kommt die Konzentration von selber. Darum brauche ich Geduld und Fleiß bei der Arbeit. Irgendwann ist es ein fließendes Spiel. Ich bin drinnen, gut konzentriert und fließe selbst mit.

 

Bist du jeden Tag künstlerisch tätig?

Ich male jeden Tag, aber ich zeichne wenig. Beim Malen geht es mir um Farben, Linien und verschieden tiefe Ebenen der Materialien auf der Bildfläche. Daraus entstehen ganz natürlich die Formen. In der Zeichnung folge ich mehr der Form. Darum zeichne ich nicht so oft. Mein Bild besteht aus Formen, aber ich muss frei sein von ihnen. Das entspricht der Zen-Lehre. Ich darf einer Form nicht anhängen, sondern will mit ihr ‚tanzen‘. Daraus entsteht dann die richtige Form. Ich weiß nicht, ob ich wirklich den Malprozess künstlerisch beobachte. Aber ich liebe es, einfach ruhig zu sitzen und zu betrachten, ohne Gedanken.

 

Wie erkennst du in deiner Malerei, dass du auf dem richtigen Weg bist?

Selten denke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin (lacht). Es ist mehr ein Prozess, in dem ich oft verzweifle. Bei jedem Bild bekomme ich die Krise. Manchmal denke ich, dass ich als Künstlerin nicht geeignet bin. Ich fühle mich überfordert. Bei jedem Bild. Es ist immer ein Versuch. Man denkt, man sei nicht auf dem richtigen Weg. Dann ist das Bild schon aus. Ich suche nach dem richtigen Weg. Darum dauert mein Malprozess so lange. Wenn ich mich auf den Weg mache, kommt er von selbst. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem ich denke: Bin ich auf dem richtigen Weg? Aber vorangegangen ist oft ein langer unsicherer Weg, der mich verwirrt oder in die Irre geführt hat. Aber ich musste ihn einfach gehen. Ein falscher Weg ist auch ein Weg. Der falsche Weg kann mich zum richtigen Weg führen.

 

Du hast von Malkrisen gesprochen? Wie kommst du in eine solche Krise? Wie verhältst du dich darin und wie kommst du wieder heraus?

Oft denke ich, die Krise ist ein Ruhepunkt, der die Situation gut wandeln kann. Man macht etwas in der Krise. Zum Beispiel stelle ich diese Bilderserie hier im Hintergrund in eine andere Reihenfolge oder ich bin bereit, aus vielen Schichten entstandene Formen auszuwaschen. Ich mache, was mir einfällt. Ich zeichne zum Beispiel eine starke Linie durch das Bild. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, was ich in einer Krise machen kann. Aber es ist etwas anders, als was ich vorher gemacht habe. Wenn eine bestimmte Methode für mich nicht gut funktioniert hat, brauche ich sie nicht weiterzuführen. Ich ändere die Perspektive oder Ordnung, verwende andere Materialien. Es geht darum, immer wieder etwas anderes auszuprobieren, um für sich einen richtigen Weg zu finden, damit das Bild ein eigenes Leben zeigen kann.

 

Wie stimmst du dich auf das Malen ein? Wendest du bestimmte Rituale an?

Ich brauche keine Rituale, um mich einzustimmen. Ich fange direkt an. Ich brauche keine Vorbereitung. Das Malen selbst ist eine gute Vorbereitung für das alltägliche Leben, für die Familie, die Kinder, den Haushalt. Die Malerei ist für mich wie ein Ritual.

 

Brauchst du für deine Kunst Fantasie? Wenn ja, woher holst du sie?

Fantasie brauche ich nicht, zumindest nicht absichtlich. Meistens beginne ich mit der Inspiration, die keine Formen beinhaltet. Diese muss ich im Malen suchen. Und woher kommt diese Inspiration? Ich glaube, wir haben diese Inspiration schon gesehen. Darum haben wir sie. Was ich schon einmal gesehen habe, kann ich vielleicht nicht begreifen, aber ich habe es wahrgenommen. Auf der Leinwand probiere ich verschiedene Formen aus, bis sich in irgendeiner Form die Inspiration manifestiert. Ich muss frei denken können, aber ich brauche nicht unbedingt Fantasie für neue oder ungewöhnliche Formen. Eine erste Inspiration beruht auf etwas, von dem ich kein Bild habe. Man muss schon bereit sein, Neues auszuprobieren. Dazu gehört Fantasie. Aber das ist für mich kein Zweck, kein Ziel. Es geht mir immer um diese erste Inspiration.

 

Was bedeutet für dich als Künstlerin, Verantwortung zu übernehmen?

Verantwortung übernehmen ist etwas Grundsätzliches. Deswegen habe ich mich entschieden, Malerin zu werden. Meine Inspirationen wollen herauskommen. Wenn ich sie nicht zeige, verhalte ich mich gegenüber mir selbst nicht verantwortlich. Wenn ich etwas in mir trage, was ich mit anderen Leuten teilen möchte, muss ich dafür sorgen, dass das passiert. Es ist vergleichbar mit einer schwangeren Frau. Es ist keine Entscheidungsfrage, ob sie das Kind gebären will oder nicht. KünstlerInnen und Künstler sind wie schwangere Frauen. Auch sie wollen neues Leben rausbringen. Wenn man kreatives Feuer in sich hat, muss man es kontrollieren: Treibstoff reingeben und gut lüften, dabei aufpassen, dass man sich nicht verbrennt. Kunst ist Arbeit über das Dasein. Das ist für die Menschheit ganz wichtig, für die Entwicklung und das Gewissen der Menschen.

 

Was glaubst du, was andere Menschen von KünstlerInnen für ihr eigenes Leben lernen können?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass andere Leute nicht unbedingt etwas von KünstlerInnen lernen müssen. Sie sollten vermehrt ihre eigene Kreativität finden, und KünstlerInnen können sie dabei unterstützen. Die eigene Kreativität kann man nicht lehren. Man muss sie selber erfahren. Durch die Werke anderer KünstlerInnen kann das persönliche kreative Potenzial geweckt werden.

 

Wie weißt du, wann ein Bild fertig ist?

Für mich ist das Bild ein Wesen. Wenn es spricht oder ein Klang kommt, wenn ich das Leben des Bildes wirklich spüre, dann ist das Bild fertig. Das ist ein sehr intimer Vorgang. Ich kann nicht erklären, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit ich den Klang des Bildes höre. Der Prozess beginnt mit der körperlichen Arbeit und mit der Wahl und dem Einsatz der Materialien. Auf dem Weg braucht es Geduld und Platz für den Zweifel. Dann kommt eine Phase, in der der Prozess von selbst fließt. Das ist ein ganz schöner Moment. Im Fließen verfertigt sich das Bild von selbst. Das klingt unlogisch, aber so ist es. Der Prozess selber übernimmt den Prozess. Wenn der Fluss ins Meer mündet, dann ist der Fluss kein Fluss mehr. Dann ist der Prozess zu Ende. Dann lege ich das Bild zur Seite und schaue es mehrere Monate nicht mehr an. Dann hole ich es wieder hervor und betrachte es. Wenn ich mit dem Bild kommunizieren kann, ist das Bild wirklich fertig. Das spürt auch der Betrachter.